"Ist es leicht, ein Markenzeichen zu sein?" Zeitung "Kultura", Ausgabe No 5, 2. Februar 2006

Sehr geehrter Herr Redakteur!
Bereits seit vierzehn Monaten geht die Geschichte mit den Heilcremes mit meinem Namen durch die Presse und erklingt auf den Fernsehbildschirmen. Die ganze Zeit über habe ich geschwiegen. Aber nun ist für mich der Moment gekommen, dass auch ich spreche. Dies umso mehr, als all die Informationen, die die Menschen zu hören und zu lesen bekamen, völlig einseitig sind.

Im Jahre 2002 hatte der Leiter des "Imperial Russian Ballets", G. Taranda, auf betrügerische Art und Weise meine Erlaubnis erhalten, meinen Namen unentgeltlich "für die Entwicklung der russischen Ballettkunst" zu nutzen. Betrügerisch, weil er ohne vorherige Benachrichtigung zu mir nach Hause kam, als ich allein war, in Begleitung einer schweigsamen Dame, die sich mir nicht vorgestellt hatte und mir nur dadurch in Erinnerung blieb, dass sie verschämt die Augen von mir abwendete. Ich sollte irgendetwas unterschreiben. Was unterschreiben? Für welche Frist? "Für zwei Jahre, Maya Mikhailovna, wir müssen dem Ballett helfen", lullte mich Taranda mit einem strahlenden Lächeln ein. Doch natürlich machte ich einen Fehler- meine Brille hatte ich gerade nicht zur Hand - und unterschrieb hastig die Papiere, ohne sie zu lesen. Aber ich glaubte Taranda aufs Wort. In der Eile hatte ich nicht verstanden, dass die von Taranda in mein Haus gebrachte Dame eine Notarin der Stadt Moskau, R. R. Urazova, war, wie sich im Nachhinein herausgestellt hatte.

Die Notarin R. R. Urazova hat mir das von mir unterschriebene Papier nicht ausgehändigt. Sie hat es Taranda gegeben.

Nachdem er sein Vorhaben in die Tat umgesetzt hatte, stellte Taranda jedweden Kontakt mit mir allmählich ein. Er informierte mich nicht über kreative Vorhaben und Gastspielpläne der Truppe, über die Aufführungspläne des "Imperial Russian Ballets", obwohl ich immer noch Ehrenpräsident des Balletts war. Kein ein einziges Mal hat er mir zum Neuen Jahr, zum 8. März oder zum Geburtstag gratuliert. Zu den Premieren des "Ballettes" wurde ich nicht eingeladen. Ich hörte nur Ungutes über seine neuen Inszenierungen, schlecht bestellt sei es mit dem Geschmack, die Choreographie bedrückend schwach. Viele gute Solisten verließen Tarandas Truppe unter skandalösen Umständen. Er soll schlecht zahlen und sich daneben benehmen. Die talentierte Tänzerin Olga Pavlova (sie ist jetzt Primaballerina in einer der angesehenen amerikanischen Truppen) hat sich bei mir beklagt: "Ich hatte Taranda gesagt, dass man so gottlos nicht mit Menschen umgehen darf, worauf er geantwortete: Na und, Hungrige finden sich immer…". Die Fluktuation in der Truppe wurde, wie man mir erzählte, katastrophal. Ein oder zwei Monate, und die Leute verließen Taranda. Solisten anderer Ballettkollektive wurden nur "für ein Mal" zu Gastauftritten eingeladen.

Danach begannen die Überraschungen. In Finnland traf ich unerwartet eine Gruppe netter junger Mädchen in zitronengelben Shirts mit dem Aufdruck "Maya-Plisetskaya-Schule". "Wir lernen in Ihrer Schule", wurde mir geantwortet. Dann teilte mir ein alter Freund mit, dass seine Enkelin an der Moskauer "Maya-Plisetskaya-Schule" sei. "Das ist nur ziemlich teuer", sagte er mir fast vorwurfsvoll. Aus dem Internet haben mir Freunde einen riesigen Haufen meiner Werbefotografien ausgedruckt, die zum Besuch der "Maya-Plisetskaya-Schule" auffordern…

Und schließlich klingelte bei mir im Sommer 2004 in meinem Haus in Litauen das Telefon. Eine Frau aus Japan sagte, dass sie mit großer Mühe meine Telefonnummer in Litauen erhalten habe. 
- "Ihr Vertreter Taranda wollte sie mir um nichts in der Welt geben. Aber ich wollte mit Ihnen persönlich sprechen".
- "Aber wer hat Ihnen gesagt, dass Taranda mein offizieller Vertreter ist?" fragte ich.
- "Taranda hat mir ein Papier mit Stempel gezeigt."
- "Und in welcher Angelegenheit wollen Sie mich sprechen?"
- "Mein Man ist vermögend und ins Ballett verliebt. So würden wir gerne in Tokyo eine Ballettschule unter Ihrem Namen eröffnen. Aber Taranda verlangte dafür von uns 300.000 Dollar in bar. Das ist uns zu teuer. Wenn wir uns mit Ihnen direkt einigen, wird es vielleicht billiger für uns…"

Als ich im Herbst nach Moskau zurückkam, verlangte ich von Taranda eine Erklärung zu dem Papier, das er der Dame in Tokyo gezeigt hatte.

Taranda begann sich zu drehen und zu winden. Ich bestand darauf. Nach vielen Listigkeiten, langen Ausflüchten und süßem Lächeln zeigte er schließlich mir und Shchedrin dieses Papier. Es handelte sich um eine notarielle unbefristete Vollmacht, dass alles, was mich und meinen Namen betrifft, im Besitz des lächelnden Taranda befindet. Da haben wir den Verrat!

Noch am selben Tag habe ich dieses gewissenlose und selbstmörderische Dokument notariell zurückgenommen. Welch ein Glück, dass die Dame aus Japan mich in Litauen erreicht hatte!

Zu der Zeit tauchten auch die Heilcremes mit meinem Namen auf (eine "gewerbliche Produktlinie" wie auf der Schachtel aufgedruckt war) gegen Schwellungen in den Beinen, blaue Flecken und Quetschungen, ein antivarikoser Gel-Balsam für die Beine, für die Füße…

Mit meinem Konterfei (übrigens die Aufnahme des amerikanischen Fotografen Richard Avedon, dessen Rechte weltweit geschützt sind, und auch noch die Zeichnungen unseres Künstlers V. Shakhmejster, dessen Reche auch geschützt werden sollten). Mit meinen ausführlichen Empfehlungen, die durch meine Faksimileunterschrift "Maya Plisetskaya" bestätigt werden. Niemand hielt es für erforderlich, meine Erlaubnis hierfür einzuholen, oder mich wenigstens zu informieren. Immerhin handelt es sich um Heilcremes. Ich habe sie nie gesehen und nie ausprobiert. Wir kann ich sie empfehlen, noch dazu wo sie gegen ernsthafte Leiden helfen? Was ist, wenn diese Cremes plötzlich dem Leidenden einen irreparablen Schaden zufügen? Dann werde ich daran schuld sein. Mir erscheint das unanständig und zynisch.

Auf mein zorniges Verbot, das unverzüglich als eingeschriebener Brief an die auf der Cremeschachtel mit meinem Foto von Avedon angegebene Adresse abgeschickt wurde, folgte die offizielle Antwort, dass es die Herstellerfirma "Gesundheitsfördernde Biotechnologien" unter der angegebenen Adresse nicht gibt und niemals gegeben hat. Welch nette Angelegenheit!

Später, als sich die Nachrichten über "meine Cremes" im Fernsehen verbreiteten, tauchte plötzlich die Firma "Gesundheitsfördernde Biotechnologien" auf und bot mir Geld an, um den sich abzeichnenden Konflikt abzuwenden. Ich lehnte aber ab und reichte Klage ein in der Hoffnung, dass es in Russland gerechte Gerichte gibt. Noch dazu sagten alle aus meiner ganzen Umgebung, dass diese Sache völlig klar sei und gar nicht verloren werden könne. Aber nein. Das Gezerre dauerte ein Jahr. Schließlich hat die Richterin des Meshchansker Gerichts der Stadt Moskau, Frau Vereshchak, zweimal meine Klage abgewiesen.

Aber warum stellt Taranda nicht selbst eine Heilcreme "Gediminas Taranda" für alle Verletzungen und Krankheiten her, warum braucht er meinen Namen?

Auch heute noch werden die Cremes gut und überall verkauft, auch im Ausland. Die Gelder sind sicherlich nicht gering. Nicht nur einen "Schwanensee" könnte man dafür mit ausstaffieren und dekorieren... Aber Taranda macht weiter, ungeachtet meines Verbotes, er nutzt nicht seinen, sondern meinen Namen. Das Publikum kauft Eintrittskarten (für jeden Impresario ist das wohl gewinnbringend), wenn sie mein Foto und meinen Namen auf den Gastspielplakaten sehen. Und dann fangen die Anrufe bei mir an: warum sind Sie nicht gekommen, Sie haben uns getäuscht, wir haben so auf Sie gewartet, wir hatten Empfänge und Gespräche vorbereitet. Allein in der letzten Zeit habe ich genaue Informationen aus Deutschland, Griechenland, Israel, Spanien, Finnland, Bulgarien und vielen russischen Städten erhalten. Vor einigen Tage z. B. aus Sochi.

Ich verlange, meinen Namen von den Programmtiteln aller Balletttruppen zu entfernen, dies betrifft in erster Linie Tarandas Truppe. Ich bitte alle, die diesen Brief lesen, diese Aneignung eines fremden Namens und Hochstaplerei zu entlarven. Denn unser Gerichtssystem, das offenbar nur theoretisch dazu bestimmt ist, Betrüger und Halunken zu entlarven und zu bestrafen, schreitet gegen Lügen und Gesetzlosigkeit nicht ein.

Mit freundlichen Grüßen
Maya PLISETSKAYA
24. Januar 2006